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Innenwand entfernen: Wann braucht man einen Statiker?

Artikel 854 Min. LesezeitStand 24. September 2026

Umbau im Bestand
Umbau im Bestand · Foto JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0

Eine Wand soll raus.

Der Handwerker klopft dagegen und sagt:

„Die klingt hohl, die ist bestimmt nicht tragend.“

Das reicht nicht.

Die entscheidende Frage ist nicht:

„Ist die Wand aus Beton oder Gipskarton?“

Sondern:

„Welche Aufgabe übernimmt diese Wand im Tragwerk des Hauses?“

Was ist eine tragende Wand?

Eine tragende Wand leitet Lasten weiter.

Zum Beispiel von:

  • Decke,
  • Dach,
  • darüberliegender Wand.

Entfernt man sie, muss diese Last anders abgefangen werden.

Typischerweise durch:

  • Träger,
  • Stützen,
  • Rahmen.

Was ist eine aussteifende Wand?

Eine Wand kann relativ wenig vertikale Last tragen und trotzdem für die seitliche Stabilität des Gebäudes wichtig sein.

Sie kann helfen, Kräfte aus:

  • Wind,
  • Erdbeben

aufzunehmen.

Gerade im Raum Lörrach ist der zweite Punkt nicht völlig theoretisch, weil Erdbebeneinwirkungen dort Teil der Tragwerksplanung sind.

Deshalb ist:

„Da liegt doch keine Decke drauf“

nicht automatisch ein Beweis dafür, dass die Wand konstruktiv unwichtig ist.

Was ist eine nichttragende Wand?

Typische Beispiele:

  • leichte Trockenbauwand,
  • dünne Trennwand, die nur Räume teilt.

Solche Wände tragen im Wesentlichen ihr eigenes Gewicht.

Aber auch hier gibt es Ausnahmen.

Eine alte dünne Mauer kann zum Beispiel nachträglich konstruktive Aufgaben übernommen haben.

Woran kann man eine tragende Wand erkennen?

Hinweise sind:

  • größere Wanddicke,
  • gleiche Wandposition im Geschoss darüber oder darunter,
  • Deckenbalken enden auf der Wand,
  • Dachstützen stehen darüber,
  • Wand liegt auf Kellerwand/Fundament.

Aber:

Keines dieser Merkmale ist allein ein sicherer Beweis.

Der beste Beweis: Statik und Bestandsaufnahme

Bei einem alten Haus sollten Sie zuerst suchen nach:

  • Schal- beziehungsweise Positionsplänen,
  • statischen Berechnungen,
  • ursprünglichen Bauzeichnungen.

Wenn die Unterlagen fehlen, kann der Tragwerksplaner vor Ort:

  • Konstruktion aufnehmen,
  • Deckenspannrichtung feststellen,
  • Bauteile öffnen,
  • Lastweg rekonstruieren.

Braucht man dafür eine Baugenehmigung?

Das ist eine andere Frage.

Nichttragende Wand

Änderung ist grundsätzlich verfahrensfrei.

Tragende oder aussteifende Wand im Wohngebäude GK 1 oder 2

Auch diese innere Änderung kann nach dem LBO-Anhang verfahrensfrei sein.

Das bedeutet:

Keine klassische Baugenehmigung – aber möglicherweise sehr wohl Statiker.

Tragende Änderung in anderem Gebäude

Dann kann die baurechtliche Verfahrensfrage anders ausfallen und sollte geprüft werden.

Warum ein Träger nicht einfach „nach Tabelle“ gewählt wird

Nehmen wir einen Wanddurchbruch von 4 m.

Der Träger muss nicht nur die Decke direkt darüber aufnehmen.

Möglicherweise stehen:

  • im Obergeschoss eine Wand,
  • darüber das Dach

genau auf dieser Linie.

Dann werden Lasten aus mehreren Geschossen konzentriert.

Zusätzlich müssen die Enden des Trägers diese Last in:

  • Mauerwerk,
  • Stütze,
  • Fundament

weitergeben.

Ein starker Stahlträger nützt nichts, wenn sein Auflager das Mauerwerk zerdrückt.

Punktlast bis in den Keller

Das ist einer der häufigsten Denkfehler.

Vorher war die Last einer Wand über mehrere Meter verteilt.

Nach dem Umbau steht ein Träger auf zwei kleinen Auflagern.

Dadurch entstehen hohe Punktlasten.

Der Statiker prüft deshalb möglicherweise nicht nur den Durchbruch, sondern auch:

  • Wand darunter,
  • Kellerwand,
  • Fundament.

Abfangen während des Umbaus

Bevor eine tragende Wand entfernt wird, muss die darüberliegende Konstruktion vorübergehend gesichert werden.

Das geschieht zum Beispiel mit:

  • Baustützen,
  • Nadeln,
  • temporärer Abfangung.

Die Reihenfolge der Arbeiten ist Teil der Tragwerkssicherheit.

Nicht:

  1. Wand abbrechen.
  2. schauen, ob sich etwas bewegt.
  3. Träger einsetzen.

Holzhaus

In älteren Fachwerk- oder Holzgebäuden ist die Situation oft weniger offensichtlich.

Eine Wand kann Teil eines räumlichen Systems aus:

  • Ständern,
  • Streben,
  • Balken

sein.

Ein einzelner entfernte Pfosten kann die Aussteifung stärker verändern, als sein Querschnitt vermuten lässt.

Stahlbeton

Bei einer Stahlbetonwand ist ein großer Durchbruch häufig besonders planungsintensiv.

Es können:

  • Bewehrung,
  • Scheibenwirkung,
  • Lastverteilung

betroffen sein.

Solche Arbeiten gehören nicht in die Kategorie:

„Wir schneiden einfach mit der Betonsäge.“

Altbau und Schadstoffe

Vor Wandabbruch sollte bei älteren Häusern zusätzlich geprüft werden, was im Bauteil steckt.

Bei Gebäuden, deren Errichtung vor dem 31. Oktober 1993 begonnen wurde, muss grundsätzlich mit asbesthaltigen Bauprodukten gerechnet werden.

Asbest kann nicht nur in bekannten Wellplatten vorkommen.

Die BAuA nennt unter anderem auch:

  • Putze,
  • Spachtelmassen,
  • Fliesenkleber,
  • Bodenbeläge.

Das heißt nicht, dass jede alte Wand Asbest enthält.

Es bedeutet:

Vor staubintensivem Schleifen, Fräsen oder Abbruch unbekannter Materialien sollte die Schadstofffrage geklärt sein.

Wann brauche ich praktisch sicher einen Statiker?

Wenn:

  • die Wand in der Statik als tragend markiert ist,
  • die Wand unter einer Deckenauflagerlinie liegt,
  • darüber weitere Wände stehen,
  • der Durchbruch groß wird,
  • Stützen entfernt werden,
  • ein Fachwerkbauteil betroffen ist,
  • Stahlbetonwand betroffen ist,
  • niemand sicher sagen kann, ob die Wand tragend ist.

Der letzte Punkt ist wichtig.

Ein kurzer Termin mit einem Tragwerksplaner ist viel billiger als:

  • abgesackte Decke,
  • Rissschaden,
  • Notabstützung.

Quellen

  1. LBO Anhang zu § 50 – innere tragende und nichttragende Änderungenlandesrecht-bw.de
  2. § 13 LBO – Standsicherheitopenlex.de
  3. § 50 LBOopenlex.de
  4. BAuA: Informationsportal Asbestbaua.de
  5. BAuA: Leitlinie für Asbesterkundung in älteren Gebäudenbaua.de