Bauen im Wutachtal: Was Sie über Hangbewegungen wissen sollten

Das Wutachtal ist landschaftlich außergewöhnlich.
Geologisch ist es ebenfalls außergewöhnlich.
Das LGRB bezeichnet das Wutachtal und seine Seitentäler ausdrücklich als Gebiet mit überdurchschnittlich hoher Aktivität an Massenbewegungen.
Für einen Grundstückskäufer heißt das nicht:
„Im Wutachtal kann man nicht bauen.“
Es heißt:
Die lokale Geologie sollte bei Hanggrundstücken besonders ernst genommen werden.
Warum bewegt sich im Wutachtal so viel?
Die heutige Wutach hat sich geologisch sehr schnell tief in die Landschaft eingeschnitten.
Das LGRB führt die ungewöhnlich hohe Massenbewegungsaktivität unter anderem auf diese starke Tiefenerosion zurück.
Die Umlenkung der Wutach fand nach LGRB-Angaben vor ungefähr 19.000 bis 20.000 Jahren statt.
Dadurch wurde ein Flusssystem, das zuvor zur Donau orientiert war, in Richtung Rhein umgelenkt.
Die Folge:
Die Wutach schnitt sich stark ein und schuf steile Talflanken.
Welche Gesteine spielen eine Rolle?
Im Gebiet treten unterschiedliche Schichten vom Muschelkalk bis in den Jura auf.
Besonders relevant sind laut LGRB unter anderem:
- tonige,
- mergelige,
- teilweise evaporitische Gesteine.
Solche Schichten können gegenüber Wasser und Hangentlastung empfindlich sein.
In anderen Abschnitten liegen festere Kalksteinpakete über weniger standfesten Schichten.
Daraus können komplexe Bewegungsformen entstehen.
Nicht nur Rutschen
Im Wutachtal treten unterschiedliche Massenbewegungen auf.
Das LGRB beschreibt unter anderem:
- Rutschungen,
- Felsstürze,
- Steinschlag,
- kippende Felspartien.
An steilen Muschelkalkhängen können große Gesteinspakete durch Entlastung und Bewegungen im Untergrund ihre Stabilität verändern.
Die Wutach selbst verändert den Hang
An Prallhängen kann der Fluss den Hangfuß unterschneiden.
Das LGRB beschreibt dabei bis zu rund 15 m hohe Uferanbrüche.
Wenn der Hang am Fuß Material verliert, verändert sich seine Stabilität.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem „alten ruhenden Hang“, der seit langer Zeit kaum geomorphologisch verändert wird.
Beispiel Eichberg
Ein besonders gut dokumentierter Fall liegt bei Blumberg-Achdorf.
Am Westhang des Eichbergs kam es im Januar 1966 nach Starkniederschlag zu einer größeren Hangrutschung.
Das LGRB beschreibt den gesamten Hang zwischen Krottenbach und Eichberg als stark von Massenbewegungen beeinflusst.
Die Bewegungen in diesem Gebiet reichen geologisch weit zurück und halten nach der Dokumentation teilweise bis heute an.
Das ist ein konkretes Beispiel dafür, warum Regen und geologische Schichten gemeinsam betrachtet werden müssen.
Bedeutet „Wutachtal“ automatisch hohes Risiko für jedes Grundstück?
Nein.
Das Wutachtal ist groß.
Ein Grundstück:
- auf einer Hochfläche,
- in einer breiten Talsohle,
- an einem steilen Prallhang,
- auf alten Rutschmassen
kann völlig unterschiedliche geotechnische Bedingungen haben.
Die regionale Aussage „überdurchschnittliche Massenbewegungsaktivität“ ersetzt deshalb keine Grundstücksuntersuchung.
Sie ist ein Hinweis darauf, bei bestimmten Lagen nicht mit Standardannahmen zu arbeiten.
Was sollte ein Käufer prüfen?
1. Lage im Gelände
Steht das Grundstück:
- am oberen Rand einer Steilstufe,
- mitten am Hang,
- am Hangfuß,
- in einem Seitental?
2. IGHK50
Prüfen Sie die Ingenieurgeologische Gefahrenhinweiskarte.
3. Geologische Karte
Welche Gesteinseinheit steht dort an?
geoportal.lgrb-bw.de/produkt/dgk50
4. Wasser
Gibt es:
- Quellen,
- feuchte Hangbereiche,
- Bäche,
- Gräben,
- Starkregenspuren?
5. Bestehende Schäden
Bei älterer Bebauung können Hinweise sein:
- wiederkehrende Straßenreparaturen,
- Risse,
- deformierte Mauern,
- versetzte Geländekanten.
Solche Beobachtungen müssen fachlich eingeordnet werden.
Warum eine historische Rutschung wichtig bleibt
Eine alte Rutschung ist nicht automatisch aktuell aktiv.
Das LGRB weist ausdrücklich darauf hin, dass aus der Gefahrenhinweiskarte keine Aktivität abgelesen werden kann.
Aber alte Rutschmassen können einen anderen inneren Aufbau haben als ungestörtes Gestein.
Bei:
- neuer Abgrabung,
- zusätzlicher Belastung,
- Wasseränderungen
kann deshalb eine genauere Untersuchung notwendig sein.
Was sollte das Bodengutachten im Wutachtal zusätzlich beantworten?
Bei einem Grundstück in auffälliger Hanglage sollte ausdrücklich geklärt werden:
- Liegt das Baufeld in ungestörtem Gestein oder Rutschmaterial?
- Gibt es erkennbare Gleit- oder Schwächezonen?
- Welche Wasserführung ist zu erwarten?
- Ist die geplante Baugrube für die Hangstabilität relevant?
- Welche Gründung ist sinnvoll?
- Müssen Stützungen oder Entwässerungen speziell ausgelegt werden?
Wutachschlucht ist nicht gleich gesamter Landkreis Waldshut
Der Begriff sollte nicht unnötig dramatisiert werden.
Die besonders ausgeprägten geologischen Prozesse betreffen bestimmte Talabschnitte und geologische Situationen.
Ein Bauplatz beispielsweise in einer völlig anderen Landschaftseinheit des Landkreises muss nicht dieselbe Problematik haben.
Deshalb ist die richtige Aussage nicht:
„Waldshut ist rutschungsgefährdet.“
Sondern:
„Im Hochrhein- und Wutachraum gibt es lokal sehr unterschiedliche geologische Situationen; gerade an steilen Talhängen existieren gut dokumentierte Massenbewegungen, die beim konkreten Grundstück geprüft werden sollten.“
Quellen
- LGRB: Hangrutschungen im Wutachtallgrbwissen.lgrb-bw.de
- LGRB: Hangrutschung Eichberglgrbwissen.lgrb-bw.de
- LGRB: Wutachschluchtlgrbwissen.lgrb-bw.de
- LGRB: Baar und Alb-Wutachgebietlgrbwissen.lgrb-bw.de
- LGRB: Ingenieurgeologische Gefahrenhinweiskartegeoportal.lgrb-bw.de