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Warum die Region Basel–Lörrach in Deutschland beim Thema Erdbeben besonders ist

Artikel 455 Min. LesezeitStand 24. September 2026

Erdbeben
Erdbeben · Foto kuhnmi, CC BY 2.0

Wer in Norddeutschland ein Einfamilienhaus plant, wird mit Erdbeben möglicherweise nie ernsthaft in Berührung kommen.

Im Raum Basel–Lörrach gehört das Thema dagegen zum regionalen Baugrundwissen.

Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. die geologische Lage,
  2. die historische Erfahrung.

Lörrach liegt direkt neben einer der wichtigsten Erdbebenregionen Mitteleuropas

Basel liegt am südlichen Ende des Oberrheingrabens.

Dort treffen mehrere geologische Großräume aufeinander:

  • Oberrheingraben,
  • Schwarzwald,
  • Jura.

Der Schweizerische Erdbebendienst nennt die geologische Struktur des Rheingrabens als wesentlichen Grund für die stärkeren Erdbeben in der Region Basel.

Eine Staatsgrenze spielt für Geologie selbstverständlich keine Rolle.

Lörrach liegt unmittelbar nördlich von Basel und damit im selben regionalen seismotektonischen Umfeld.

Deshalb endet das Thema Erdbeben nicht an der deutsch-schweizerischen Grenze.

Das Basler Erdbeben von 1356

Das bekannteste historische Ereignis ist das Basler Erdbeben vom 18. Oktober 1356.

Der Schweizerische Erdbebendienst rekonstruiert dafür heute eine Magnitude von ungefähr 6,6.

Es gilt als das stärkste bekannte historische Erdbeben der Schweiz.

Für die Bauplanung heute ist dieses Ereignis vor allem deshalb interessant, weil es zeigt:

Die Region ist grundsätzlich in der Lage, starke Erdbeben hervorzubringen.

Das bedeutet nicht, dass sich ein solches Beben regelmäßig in kurzen Abständen wiederholt.

Der Schweizerische Erdbebendienst schätzt ein vergleichbares Ereignis für die Region Basel grob in einer Größenordnung von einmal in 2.000 bis 2.500 Jahren.

Wann ein solches Ereignis tatsächlich auftritt, lässt sich nicht vorhersagen.

Das ist ein wichtiger Teil einer nüchternen Risikobetrachtung:

Hohe mögliche Stärke und geringe jährliche Wahrscheinlichkeit können gleichzeitig wahr sein.

Gefährdung und Risiko sind nicht dasselbe

Die Begriffe werden oft vermischt.

Erdbebengefährdung

Wie stark kann der Boden an einem Ort statistisch beziehungsweise physikalisch erschüttert werden?

Erdbebenrisiko

Welche Folgen hätte diese Erschütterung für:

  • Menschen,
  • Gebäude,
  • Infrastruktur,
  • Wirtschaft?

Eine dünn besiedelte Gegend und eine dicht bebaute Stadt können eine ähnliche seismische Gefährdung haben, aber ein sehr unterschiedliches Risiko.

Der Schweizerische Erdbebendienst bezeichnet Basel aufgrund der Gefährdung, hohen Bevölkerungsdichte und verletzlichen Bausubstanz als die Stadt mit dem höchsten Erdbebenrisiko der Schweiz.

Solche Schweizer Schadensszenarien sollte man aber nicht eins zu eins auf Lörrach übertragen. Gebäudebestand, Dichte und lokale Untergründe unterscheiden sich.

Für Lörrach ist entscheidend, dass Baden-Württemberg die regionale Gefährdung selbst ausdrücklich im Baurecht berücksichtigt.

Was sagt Baden-Württemberg?

Das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen schreibt:

Die am stärksten betroffenen Gebiete des Landes liegen auf der Schwäbischen Alb und in der Gegend von Lörrach.

Die amtliche Karte ordnet Lörrach der Erdbebenzone 3 zu.

Auch der Landkreis Lörrach weist in seinem Katastrophenschutzkonzept darauf hin, dass rund ein Viertel seiner Fläche in Zone 3 und das übrige Kreisgebiet in Zone 2 liegt.

Das ist ein wichtiger Unterschied:

Nicht der gesamte Landkreis Lörrach liegt in derselben Zone.

Die konkrete Gemeinde muss geprüft werden.

Warum gibt es überhaupt Bauvorschriften für ein seltenes Ereignis?

Weil Gebäude lange leben.

Ein Wohnhaus steht vielleicht:

  • 80 Jahre,
  • 100 Jahre,
  • noch länger.

Ein seltenes Ereignis, das für einen einzelnen Tag unwahrscheinlich ist, wird über die lange Lebensdauer eines Gebäudes relevanter.

Außerdem können die Folgen eines Tragwerksversagens sehr groß sein.

Baurecht arbeitet deshalb nicht nur mit häufigen Alltagslasten.

Ein Gebäude wird auch für seltenere Einwirkungen bemessen.

Seit wann berücksichtigt Baden-Württemberg Erdbeben im Baurecht?

Das Thema ist nicht neu.

Die Planungshilfe des Landes dokumentiert eine lange Entwicklung der Erdbebennormen.

Nach früheren Regelwerken wurden in Baden-Württemberg bereits ab den 1970er-Jahren besondere technische Vorgaben für erdbebengefährdete Gebiete eingeführt.

Die heute bauaufsichtlich verwendete DIN 4149 stammt aus dem Jahr 2005.

Sie basiert nach Angaben des Landes auf der Konzeption der europäischen Erdbebennormung – Eurocode 8 – wurde aber an die deutschen seismischen und geologischen Verhältnisse angepasst.

Überraschend: 2026 gilt bauaufsichtlich weiterhin DIN 4149

Im Internet findet man häufig den pauschalen Satz:

„Erdbebenbemessung erfolgt heute nach Eurocode 8.“

Für Baden-Württemberg muss man 2026 genauer hinsehen.

Die aktuelle VwV Technische Baubestimmungen vom 10. Dezember 2025, die seit dem 12. Januar 2026 gilt, führt unter A 1.2.9.1 weiterhin ausdrücklich:

DIN 4149:2005-04 – Bauten in deutschen Erdbebengebieten

auf.

Die aktuelle Verwaltungsvorschrift ergänzt diese Norm an verschiedenen Stellen mit neueren Eurocode-Regelungen für die verwendeten Baustoffe.

Für die bauaufsichtliche Zuordnung der Erdbebenzonen verweist sie aber weiterhin auf die amtliche Baden-Württemberg-Karte von 2005.

Deshalb sollte ein Bauherr nicht einfach irgendeine neuere wissenschaftliche Erdbebenkarte aus dem Internet mit der rechtlich eingeführten Bemessungsgrundlage verwechseln.

Bedeutet eine alte Karte, dass der Wissensstand von 2005 eingefroren ist?

Nein.

Es gibt heute selbstverständlich neuere seismologische Forschung und aktuelle Messnetze.

Der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg betreibt ein Netz von Messstationen und wertet aktuelle Ereignisse aus. 2026 wurde dieses Messnetz im südlichen Oberrheingebiet sogar um eine Station in Badenweiler erweitert.

Das ist aber eine andere Aufgabe.

Seismologische Beobachtung beantwortet Fragen wie:

Wo ereignen sich heute Erdbeben und wie stark sind sie?

Bauaufsichtliche Bemessungsregeln beantworten:

Mit welchen festgelegten technischen Parametern muss ein Gebäude geplant werden?

Beides sollte man nicht vermischen.

Muss man in Lörrach Angst vor einem Hauskauf haben?

Nein.

Die sinnvolle Konsequenz aus der regionalen Gefährdung lautet nicht:

„Hier sollte man besser nicht bauen.“

Sondern:

„Hier sollte ein Tragwerk entsprechend der regionalen Gefährdung geplant werden.“

Neue Gebäude haben genau dafür technische Regeln.

Bei alten Gebäuden ist die Frage differenzierter und hängt vom Baujahr, Tragwerk und geplanten Umbau ab.

Quellen

  1. Ministerium Baden-Württemberg: Erdbebensicher Bauenmlw.baden-wuerttemberg.de
  2. Schweizerischer Erdbebendienst, ETH Zürich: Region Baselseismo.ethz.ch
  3. Schweizerischer Erdbebendienst: Basel 1356seismo.ethz.ch
  4. Aktuelle VwV Technische Baubestimmungen Baden-Württembergmlw.baden-wuerttemberg.de
  5. Amtliche Erdbebenkarte Baden-Württembergmlw.baden-wuerttemberg.de
  6. Landeserdbebendienst Baden-Württemberg: aktuelle Messungen und Wahrnehmungsmeldungenmakroseismik.lgrb-bw.de
  7. LGRB: Ausbau des Messnetzes im südlichen Oberrheingebiet 2026lgrb-bw.de